Bayerische Landesbibliothek Online
Das Portal zu Geschichte und Kultur des Freistaats

Orbis latinus (Großausgabe, 1972)

Orbis latinus: Titelblatt des ersten Bandes der Großausgabe (1972) Orbis latinus: Titelblatt des ersten Bandes der Großausgabe (1972)

In seiner fast 150-jährigen Publikationsgeschichte hat sich der Orbis latinus über den Verlauf von vier Auflagen hinweg zum umfassendsten Verzeichnis lateinischer Ortsbezeichnungen von der Antike bis zur Neuzeit entwickelt. Vor allem die von Helmut Plechl (geb. 1920)  erarbeitete Großausgabe der 4. Auflage, die in drei Bänden 1972 erschien, vervielfachte den Wortbestand und etablierte das Werk als unverzichtbares Nachschlagewerk für die Geschichtswissenschaft.

Das seit langem vergriffene Werk online bereitzustellen war ein Desideratum der Geschichtswissenschaft, dem durch das freundliche Entgegenkommen der Rechteinhaberin nun entsprochen werden konnte.

 

Zur Geschichte des Orbis latinus

Der in Grimma geborene Johann Georg Theodor Graesse (1814 - 1885) war Bibliothekar, Kunsthistoriker, Literaturwissenschaftler und Sagenforscher; neben seinen Studien wirkte er von  1843 - 1854 als Privatbibliothekar des sächsischen Königs Friedrich August II. (1797 - 1854), von 1848 - 1882 an der königlichen Münzsammlung (seit 1877 als Direktor), sowie von 1852 - 1882 an der königlichen Porzellansammlung in Dresden. Seit 1864 leitete er zusätzlich als zweiter, seit 1871 als alleiniger Direktor das "Grüne Gewölbe".

Aus seiner praktischen Museumsarbeit heraus entstand sein 1861 veröffentlichtes Werk Orbis latinus, oder: Verzeichnis der lateinischen Benennungen der bekanntesten Städte etc., Meere, Seen, Berge und Flüsse in allen Theilen der Erde nebst einem deutsch-lateinischen Register derselben; ein Supplement zu jedem lateinischen und geographischen Wörterbuche. Wie er in seinem Vorwort schreibt, ging es ihm in erster Linie dabei nicht darum, ein umfassendes lateinisches Lexikon zur Geographie zu verfassen, sondern lediglich eine kleine Arbeitshilfe für "Leser [...], für den Literaturhistoriker und Bibliographen, für den Archivar und Numismatiker und endlich für Jeden, der lateinisch zu schreiben hat [...]" zu schaffen.

Obwohl diese erste Auflage bereits zahlreiche Lemmata aus der ganzen Welt auflistete, enthält sie doch, gerade was kleinere Orte angeht, umfangreiche Lücken. 1909 folgte daher eine, im Umfang nahezu verdoppelte, zweite Auflage. Die Überarbeitung und Erweiterung hatte der Breslauer Universitätsprofessor Friedrich Benedict (geb. 1850) besorgt., der, anders als Graesse, weitaus systematischer bereits veröffentlichte Quellen- und Geschichtswerke auswertete. Er selbst gibt in seinem Vorwort Hinweise auf die Editionen der Monumenta Germaniae Historica sowie Hermann Oesterleys (1834 - 1891) Historisch-geographisches Wörterbuch des deutschen Mittelalters (1883). Auf das deutsch-lateinische Verzeichnis wurde nun verzichtet, wie der Bearbeiter - wohl nicht ohne Bedauern - feststellte: "Das Lateinischschreiben hat in der Neuzeit selbst in den philologischen Kreisen so nachgelassen, daß es ziemlich auf dem Aussterben steht, und somit erübrigt sich jenes zweite Verzeichnis."

Benedict vermehrte die Stichworte des Orbis vor allem in Hinblick auf den mitteleuropäischen Raum und das Mittelalter, unter weitgehender Vernachlässigung des außereuropäischen Raumes und der für den Numsimatiker Graesse wichtigen Frühen Neuzeit. Nichtsdestotrotz wurde das Werk 1922 - inhaltlich unverändert - in einer dritten Auflage wiederveröffentlicht.

In den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg erarbeitete der Universitätsprofessor, Mittelalterforscher und Hilfswissenschaftler Helmut Plechl, gemeinsam mit Sophie-Charlotte Plechl, systematisch die vierte Auflage des Orbis latinus, die 1971 (einbändige Handausgabe) und 1972 (dreibändige Großausgabe) erschien. Es handelt sich um die vollständigste Zusammenstellung lateinischer Ortsbezeichnungen, wie sie seitdem nicht mehr erreicht worden ist. Plechls Bearbeitung enthält über reine Ortsnamen hinausgehend auch zahlreiche Bezeichnungen für Klöster, Gebirge, Gewässer und Meere; die Bezeichnungen datieren von der Antike bis zum Ausklingen der (akademisch gepflegten) Latinität im 19. Jahrhundert.

Friedrich Ulf Röhrer-Ertl

 

Hinweise zur Benutzung

Alle Bände der Großausgabe des Orbis latinus stehen als Blätterversion zur Verfügung. Sie sind durch ausführliche Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Die Lemmata des Orbis latinus sind nicht phonetisch, sondern streng alphabetisch angeordnet; die modernen Ortsnamen folgen vor allem bei außereuropäischen Namen einer nicht mehr verwendeten Transkriptionsweise (etwa Honschiu statt Honshu). Für den deutschen Bereich wurden die inneren und äußeren politischen Verwaltungsgrenzen von 1937 zugrundegelegt. Bei Orten, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs zu Polen bzw. Rußland gehören, sind im Regelfall die heutigen Ortsnamen zusätzlich aufgeführt.

 

Angaben zum Projekt

Die Online-Bereitstellung der Großausgabe des Orbis latinus wurde durch die freundliche Genehmigung der Rechteinhaberin ermöglicht. Die Digitalisierung erfolgte durch die Bayerischen Staatsbibliothek München im Münchener Digitalisierungszentrum (MDZ). Die Erstellung einer frei durchsuchbaren Volltextversion befindet sich in der Planungsphase.

Die Präsentation der Bände im Rahmen der Bayerischen Landesbibliothek Online erfolgt seit Juli 2010.

 

Bayerische Staatsbibliothek - Information in erster Linie Münchener Digitalisierungszentrum (MDZ)