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Die Bayerische Staatsbibliothek im Nationalsozialismus

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Die Akten der Generaldirektion der Staatlichen Bibliotheken sowie des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, besonders aber die zahlreichen persönlichen Aufzeichnungen und privaten Korrespondenzen der damaligen Mitarbeiter ermöglichen tiefe Einblicke in die Vorgänge an der Bayerischen Staatsbibliothek zwischen 1933 und 1945. Kein Bereich blieb demnach vom Nationalsozialismus unberührt.

Machtübernahme 1933

So wirkte sich die Machtübernahme der Nationalsozialisten am 9. März 1933 in Bayern rasch auch auf die BSB aus: Am 7. April erließ die Reichsregierung das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“. Daraufhin wurden der wissenschaftliche Bibliothekar Max Stefl (1888-1973), der Anwärter für den mittleren Bibliotheksdienst Paul Schumacher und die Verwaltungsassistentin Marianne Lacher entlassen. Sie galten als politisch nicht zuverlässig, da sie sich in politischen Auseinandersetzungen mit Kollegen kritisch über den Nationalsozialismus geäußert hatten. Der leitende Bibliothekar Otto Hartig (1876-1945) wurde 1935 ebenfalls aus politischen Gründen an die Staatsbibliothek Bamberg versetzt.

Die Bayerische Staatsbibliothek mit Hakenkreuzbeflaggung, 1933 (Bayerische Staatsbibliothek, Portrait- und Ansichtensammlung)
Die Bayerische Staatsbibliothek mit Hakenkreuzbeflaggung, 1933 (Bayerische Staatsbibliothek, Portrait- und Ansichtensammlung).

Absetzung des Generaldirektors Georg Reismüller

1935 erfolgte die Absetzung des seit 1929 amtierenden Generaldirektors Georg Reismüller (1882-1936). Er fiel einer Intrige zum Opfer, die unter anderem von seinem Stellvertreter Georg Leidinger (1870-1945) betrieben wurde. Leidinger wollte selbst Generaldirektor werden. Am 23. März verhaftete die Politische Polizei Reismüller, mit Wirkung vom 1. Juli 1935 wurde er in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Im Oktober wurde Reismüller im Staatsministerium für Unterricht und Kultus verhört. Anschließend beantragte das Ministerium beim Oberlandesgericht München ein Disziplinarverfahren. Reismüller soll unter anderem anti-nationalsozialistische Schriften angeschafft und ausgewertet sowie pro-nationalsozialistische Titel den Bibliotheksbenutzern vorenthalten haben. Reismüller erkrankte schwer und verstarb bereits 1936.

Zu den treibenden Kräften bei sämtlichen Entlassungen gehörte Oberbibliotheksrat und NSDAP-Mitglied Rudolf Kummer (1896-1987), der von 1935 an das Generalreferat für das Bibliothekswesen im Reichsministerium für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung leitete und von dieser Stelle aus weiter Einfluss auf die Personalverhältnisse an der Bayerischen Staatsbibliothek nahm.

Personalpolitik des neuen Generaldirektors Buttmann

Die Nachfolge Reismüllers als Generaldirektor trat am 1. Oktober 1935 Rudolf Buttmann (1885-1947) an, ein an der Bayerischen Staatsbibliothek ausgebildeter wissenschaftlicher Bibliothekar und langjähriger Politiker im Dienst der NSDAP mit der niedrigen Mitgliedsnummer vier. Der überzeugte Nationalsozialist Buttmann leitete die Bibliothek nach fachlichen Gesichtspunkten. Der neue Generaldirektor erkor mit Emil Gratzl (1877-1957) und Otto Handwerker (1877-1947) ausgezeichnete Bibliothekare zu seinen Stellvertretern; bei Beförderungen legte er gewöhnlich großen Wert auf die Qualifikation und das Anrecht seiner Mitarbeiter, ihrem Dienstalter entsprechend vorzurücken. Daneben finden sich in seinen Anträgen stets Aussagen zu der politischen Einstellung der Beamten und Angestellten. Heinz Zirnbauer (geb. 1902), der gemeinsam mit Rudolf Kummer die Entlassungen von Max Stefl und Georg Reismüller vorangetrieben hatte, beförderte Buttmann unter Ausnutzung der politischen Verhältnisse aus der Staatsbibliothek hinaus: Er ließ ihn als Leiter der Pfälzischen Landesbibliothek nach Speyer versetzen. Unnachgiebige Härte zeigte Buttmann 1941 im Umgang mit dem Hilfsarbeiter Wilfried Bering, der eine Auseinandersetzung mit einem Kollegen um die persönliche Einstellung zum NS-Regime und den Verlauf des Zweiten Weltkriegs hatte. Buttmann entließ Bering nicht nur fristlos, sondern zeigte ihn darüber hinaus wegen Heimtücke bei der Geheimen Staatspolizei an. Es kam zu einem Sondergerichtsprozess, nach dessen Ende Bering erneut von der Geheimen Staatspolizei festgenommen wurde. Bering starb am 15. Januar 1945 im Konzentrationslager Dachau.

Adolf Hitler besucht 1936 die Bayerische Staatsbibliothek (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)

Benutzung und Erwerbung seit 1933

Die Einflussnahme des NS-Regimes beschränkte sich nicht auf Personalangelegenheiten. Die Benutzungsbedingungen und die Erwerbungspraxis änderten sich ebenfalls. Zum einen durfte nicht mehr jedes Buch ohne Weiteres ausgeliehen werden und zum anderen wurde mit der Anordnung über den Ausschluss von Juden an den deutschen Hochschulen von 1938 den jüdischen Benutzern der Zutritt zu den wissenschaftlichen Bibliotheken verwehrt. Wie alle wissenschaftlichen Bibliotheken hatte auch die Bayerische Staatsbibliothek bei der Aufstellung und Ausleihe der Bücher bestimmten Auflagen zu folgen: 1936 gab die Reichsschrifttumskammer eine Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums heraus, die laufend aktualisiert wurde. Die betroffenen Publikationen mussten gesondert aufgestellt werden und durften nur mehr vorgelegt werden, wenn die Benutzer eine Bescheinigung über ihre politische Zuverlässigkeit sowie ein wissenschaftliches Interesse vorweisen konnten.

Das an fachlichen Gesichtspunkten orientierte Handeln des NSDAP-Politikers Buttmann als Generaldirektor wird auch am Umgang mit jüdischen Benutzern deutlich: Ihnen stand die Bayerische Staatsbibliothek über das Jahr 1938 hinaus offen. Nach dem Novemberpogrom war Juden der Zutritt zwar mehrere Wochen nicht gestattet; im März 1939 erreichte Buttmann aber beim Staatsministerium für Unterricht und Kultus, „daß grundsätzlich von einer Nachprüfung der arischen Abstammung der Bibliotheksbenützer abgesehen wird“. Besucher durften daraufhin nur mehr dann gefragt werden, ob sie Juden seien, wenn sie durch ihr Benehmen Anstoß erregt hatten. Das weitere Vorgehen blieb der Direktion vorbehalten. Vom 15. September 1941 an, als Juden den Judenstern tragen mussten, blieb ihnen (bis auf einige Ausnahmeregelungen) die Bayerische Staatsbibliothek verschlossen.

Die Erwerbung erfolgte unter Buttmann weiterhin nach den Grundsätzen einer wissenschaftlichen Bibliothek. So fand auch das im Ausland neu erschienene NS-kritische Schriftgut Eingang in die Bibliotheksbestände, diese Werke waren Bibliotheksbenutzern allerdings nicht zugänglich. Als Buttmann in seinem Haus 1939 das Referatsystem einführte, vergab er auch Sachgebiete wie „Schrifttum der NSDAP“ und „Judenfrage“.

Seit 1933 nahm die Erwerbungsabteilung Buchhandlungen, deren Besitzer als Nationalsozialisten bekannt waren, neu in ihren Lieferantenkreis auf. Sie hatten allerdings nur dann Chancen, die Bayerische Staatsbibliothek dauerhaft als Kundin zu gewinnen, wenn es einen Fachbereich neu zuzuweisen galt und die Leistungsfähigkeit gewährleistet war. Die Geschäftsbeziehungen zu jüdischen Sortimentern erhielt die Akzession bis 1936 aufrecht. Als diese nicht mehr im „Adressbuch des deutschen Buchhandels“ aufgeführt wurden, bezog die Bayerische Staatsbibliothek keine Bücher mehr von ihnen.

Zweiter Weltkrieg und Wiederaufbau

Einen tiefen Einschnitt in die Geschäfte der Bayerischen Staatsbibliothek bedeutete der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Seit diesem Zeitpunkt waren die Mitarbeiter mit Sicherungsmaßnahmen beschäftigt. 1941 begann die Suche nach auswärtigen Bergungsorten, 1942 ließ Buttmann die Standortverzeichnisse verfilmen und die Kataloge in Magazinräume verlagern, die vom Landbauamt München als vergleichsweise feuerfest eingestuft worden waren. Bevor das Bibliotheksgebäude am 9./10. März 1943 den ersten schweren Bombenschaden erlitt, waren mehrere zehntausend Handschriften und Inkunabeln in Sicherheit gebracht worden. Die Bergung der großen Masse an Büchern veranlasste Buttmann hingegen erst danach: Circa ein Fünftel des Gesamtbestands – zwischen 400.000 und 500.000 Bücher – waren jedoch durch das Feuer und die Löscharbeiten zerstört worden. Infolge des zweiten Großbrands in der Bayerischen Staatsbibliothek im April 1944 brach der Leih- und Lesesaalbetrieb endgültig zusammen, einzig die Erwerbungsabteilung ging weiterhin ihren Aufgaben nach.

1946 begann der Wiederaufbau der Bayerischen Staatsbibliothek. 1947 nahm das Bibliothekspersonal in den ehemaligen NSDAP-Bauten in der Arcisstraße den inneren Betrieb wieder auf. Ab 1948 konnten wieder Bücher ausgeliehen werden. 1952 kehrten die Verwaltung und die Hauptabteilungen wieder in das Gebäude an der Ludwigstraße zurück. Genauso lang zog sich die Rückführung der Bestände aus den Bergungsorten hin. Ihre Sortierung und Aufstellung war – von den Zeitungen und Karten abgesehen – erst im Januar 1955 abgeschlossen.