Bayerische Landesbibliothek Online
Das Portal zu Geschichte und Kultur des Freistaats

Anna Caspari

uk

Dem Raubzug der Gestapoleitstelle München zum Jahreswechsel 1938/1939 bei jüdischen Münchner Familien fiel auch der Besitz der Kunsthändlerin Anna Caspari (1900-1941) zum Opfer. Bei der als „Sicherstellung von Kulturgütern“ bezeichneten Aktion wurde am 19. Januar 1939 sowohl ihr damaliger Wohnsitz im Hotel Continental als auch das Lager in der Briennerstraße 52 durchsucht. Insgesamt wurden dabei 22 Gemälde, 140 Bücher sowie eine unbekannte Anzahl Graphiken geraubt.

Anna Caspari
Anna Caspari (Staatsarchiv München Pol. Dir. 11822-0058).

Der komplette Buchbestand ging als „Schenkung“ an die Bayerische Staatsbibliothek, die schon bei der Beschlagnahme einen ihrer Bibliothekare als Schätzer für die Beschlagnahmung zur Verfügung gestellt hatte.
Bei dem beschlagnahmten Kulturgut handelte es sich um den verbliebenen Besitz der Galerie Caspari, die wenige Wochen zuvor zwangsweise geschlossen worden war.

Der aus Berlin stammende Georg Caspari (1878-1930) hatte diese bereits 1913 gegründet und war damit schnell zu einer etablierten Größe im Münchner Kunsthandel geworden. Erfolgreich war die im Eichthal-Palais angesiedelte Galerie vor allem mit Kunst des 19. Jahrhunderts sowie der frühen Moderne.

Exlibris Georg Caspari
Exlibris Georg Caspari.

1922 heiratete Georg Caspari die aus Breslau stammende Anna Naphtali, die zwei Jahre zuvor zum Studium der Kunstgeschichte nach München gekommen war. Nach dem Unfalltod ihres Mannes 1930 führte Anna Caspari die Geschäfte trotz der sich verschlechternden Wirtschaftslage und den späteren Repressionen durch das NS-Regime bis zur endgültigen Schließung im Januar 1939 weiter. In den dreißiger Jahren arbeitete sie vor allem als Vermittlerin und Gutachterin für bedeutende Kunsthändler des „Dritten Reichs“, wie etwa Karl Haberstock und Julius Böhler.

Ab 1938 versuchte Anna Caspari nach England zu emigrieren, wo ihre beiden Söhne Paul (geb. 1922) und Ernst (geb. 1926) bereits seit mehreren Jahren ein Internat in der Nähe von London besuchten. Ihre wiederholten Anträge wurden jedoch von den deutschen Stellen abgelehnt.

Am 20. November 1941 wurde Caspari im Zuge der ersten Massendeportation von Münchner Jüdinnen und Juden in das von der deutschen Wehrmacht besetzte Litauen deportiert und am 25. November in Kaunas ermordet.

Bei der Eröffnung des Wiedergutmachungsverfahrens zugunsten der Söhne von Anna Caspari 1948 wurde auch die Bayerische Staatsbibliothek nach dem Verbleib der Bücher gefragt. Diese gab zunächst  an, dass die Bücher in dem durch Kriegszerstörung und Auslagerung entstandenen Chaos nicht auffindbar wären und es aufgrund fehlender Zugangsverzeichnisse auch keine Möglichkeit mehr gäbe, diese zu identifizieren. Weitere Recherchen ergaben, dass die hauptsächlich aus künstlerischen und kunstgeschichtlichen Werken bestehende Sammlung im damaligen Kunstlesesaal untergebracht gewesen war, dessen Bestand im Verlauf des Krieges fast vollständig verbrannte. Das Verfahren endete schließlich mit einer Ausgleichszahlung des Landes Bayern für die geraubten Bücher an Paul und Ernst Caspari.

Innenansicht der Galerie Caspari
Innenansicht der Galerie Caspari im Eichthal-Palais, Briennerstraße 52, in München (Stadtarchiv München).

Bei der seit 2003 laufenden Suche nach NS-Raubgut in den Beständen der Bayerischen Staatsbibliothek wurden schließlich vier Bücher gefunden, die sich durch ein Exlibris dem ehemaligen Besitz von Georg und Anna Caspari zuordnen ließen. Ebenso wies die interne „Schenkernummer“ darauf hin, dass die Bücher durch die Gestapo München ins Haus gekommen waren. Nach Abschluss der Recherchen konnten die Bücher am 28. November 2014 in London an Paul Caspari zurückgegeben werden.

Außenansicht der Galerie Caspari
Außenansicht der Galerie Caspari im Eichthal-Palais, Briennerstraße 52 in München (Stadtarchiv München).

Die restituierten Titel werden im BSB-Katalog weiter angezeigt. Sie sind mit einer entsprechenden Bemerkung zur Provenienz versehen worden, die im OPAC unter der Rubrik „mehr zum Titel“ erscheint. Sie können mit der Eingabe „BSB-Provenienz: Anna Caspari“ über die Einfache Suche im OPAC recherchiert werden. Da Paul Caspari sich mit der Digitalisierung einverstanden erklärt hatte, ist bei drei der vier Werke der Online-Zugriff auf das Digitalisat möglich. Ausgenommen ist der Band von Herbert Eulenburg, bei dem die Rechte noch nicht frei sind.