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Einführung in die NS-Raubgutforschung

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Während ihrer zwölfjährigen Gewaltherrschaft verfolgten die Nationalsozialisten Menschen, die ihrer Ideologie in rassischer, politischer, religiöser oder weltanschaulicher Hinsicht nicht entsprachen. Einzelpersonen und Vereinigungen verloren infolgedessen ihr Eigentum ganz oder teilweise – weil staatliche und Parteistellen es beschlagnahmten, weil sie es gezwungenermaßen verkaufen oder auf der Flucht zurücklassen mussten. Handelte es sich um Dinge von kulturellem Wert, spricht man von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut oder NS-Raubgut.

Nutznießer der Beschlagnahmungen und Zwangsverkäufe waren unter anderem Museen, Archive und Bibliotheken. Die Wege von NS-Raubgut in Bibliotheken waren vielfältig: Die Geheime Staatspolizei überließ den Bibliotheken geraubte Sammlungen als „Geschenk“, die Reichstauschstelle Berlin und die Bücherverwertungsstelle Wien wies ihnen Bücher zu. Die Bibliotheken erwarben unrechtmäßig entzogene Druckwerke und Handschriften günstig im Antiquariatshandel oder sie gelangten durch den Tausch mit anderen Bibliotheken in ihren Besitz. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs dehnte das NS-Regime Verfolgung und Raub auf die besetzten Gebiete aus, wovon die Bibliotheken ebenfalls profitierten. Selbst nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur am 8. Mai 1945 kam noch NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut in ihre Bestände: Die US-amerikanische Militärregierung übergab etwa der Bayerischen Staatsbibliothek Sammlungen von NS-Organisationen, die geraubtes Schrifttum enthielten.

Grundlagen der NS-Raubgutforschung

Die Bundesrepublik Deutschland und 43 weitere Staaten verabschiedeten am 3. Dezember 1998 auf der Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust elf Grundsätze „in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden“. Sie verpflichteten sich in der rechtlich nicht bindenden Washingtoner Erklärung dazu, Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückerstattet worden waren, zu identifizieren, die Vorkriegseigentümer oder ihre Erben ausfindig zu machen sowie gerechte und faire Lösungen zu finden. Daraufhin beschlossen am 9. Dezember 1999 die Bundesregierung, die Länder und die kommunalen Spitzenverbände eine Grundsatzerklärung „zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes insbesondere aus jüdischem Besitz“. Darin bestätigten sie, auf die Umsetzung der Washingtoner Grundsätze hinwirken zu wollen.

Die Kultusministerkonferenz traf in diesem Zusammenhang wegweisende Entscheidungen: Zum 1. Januar 2001 erweiterte sie das Aufgabenspektrum der Koordinierungsstelle Magdeburg für Kulturgutdokumentation und Kulturgutverluste entsprechend. Die von der Koordinierungsstelle betriebene Internet-Datenbank Lost Art dokumentiert Such- und Fundmeldungen zu NS-verfolgungsbedingt entzogenen beziehungsweise infolge des Zweiten Weltkriegs verbrachten Kulturgütern. Bis 2013 haben über 1.000 Privatpersonen und Institutionen aus dem In- und Ausland rund 120.000 Einzelobjekte detailliert beschrieben. Hinzu kommen mehrere Millionen summarisch registrierte Kulturgüter. Außerdem wurde zum 1. Januar 2008 auf Initiative des Kulturstaatsministers die Arbeitsstelle für Provenienzrecherche und Provenienzforschung am Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin eingerichtet. Die Arbeitsstelle unterstützte öffentlich unterhaltene Einrichtungen, die Kulturgut bewahren, fachlich und finanziell bei der Identifizierung von NS-Raubgut in ihren Sammlungen und Beständen.

Anfang des Jahres 2015 wurden die ehemalige Koordinierungsstelle Magdeburg und die ehemalige Arbeitsstelle für Provenienzforschung mit der Gründung des Deutschen Zentrum Kulturgutverluste als Stiftung des bürgerlichen Rechts vereint. Diese neugeschaffene Institution mit Sitz in Magdeburg führt die Aufgaben ihrer beiden Vorgänger fort und baut sie weiter aus.

Darüber hinaus veröffentlichte die Kultusministerkonferenz eine Handreichung, die Museen, Bibliotheken und Archiven bei der Feststellung von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern sowie bei der Entscheidung über deren mögliche Rückgabe Orientierung bieten soll.

Am 30. Juni 2009 verpflichteten sich 46 Staaten, darunter die Bundesrepublik Deutschland, in der Theresienstädter Erklärung, die Washingtoner Grundsätze weiter zu unterstützen.