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Freisinger Denkmäler: Das Missionshandbuch Bischof Abrahams

Das Missionshandbuch Bischof Abrahams, fol 158' Missionshandbuch, fol. 158'

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Das sogenannte "Missionshandbuch" des Bischofs Abraham von Freising gehört zu den denkwürdigsten und inhaltlich vielschichtigsten Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek. Es stellt ein einmaliges Zeugnis der geistigen Kultur Bayerns des späten 10. Jahrhunderts dar und ist zugleich für Slowenien von immenser kultureller und nationaler Bedeutung. Die Handschrift enthält unter anderem die "Freisinger Denkmäler" und damit mit die ältesten Zeugnisse der slawischen Sprache sowie die Beschlüsse des Landtags von Ranshofen ("Ranshofener Gesetze")

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Inhaltsverzeichnis

Inhalt und Bedeutung

Die schmucklose Pergamenthandschrift entstand vermutlich während der Amtszeit Bischof Abrahams (reg. 957-993/994) in Freising. Sie gelangte 1803 nach München und wird von der Bayerischen Staatsbibliothek unter der Signatur Clm 6426 verwahrt.

Die Handschrift enthält ein vielfältiges Corpus meist lateinischer homiletischer und liturgischer sowie einiger (kirchen)rechtlicher Texte. Darunter sind mehrere authentische Predigten Rathers von Verona, ein unikal überlieferter Judeneid sowie das ebenfalls nur hier erhaltene erste Territorialgesetz der deutschen Rechts- und Verfassungsgeschichte, die Beschlüsse des Landtags zu Ranshofen ("Ranshofener Gesetze").

Besonders bekannt und viel erforscht sind die slawischsprachigen Texte der Handschrift, die sogenannten "Freisinger Denkmäler". Die beiden Beichtformeln (Denkmal I und III) sowie die Beichthomilie (Denkmal II) bilden die nicht nur die mit Abstand frühesten Zeugnisse der slowenischen, sondern auch einer slawischen Sprache in lateinischer Schrift.

Alle enthaltenen Texte gehören in den Aufgaben- und Interessensbereich eines Bischofs, der innerhalb seines Sprengels (die Freisinger Besitzungen erstreckten sich auch auf die slowenisch besiedelte Krain und Kärnten) für die Seelsorge, die Beachtung kanonischer Vorschriften und als Mitglied der Reichskirche auch für die ordnungsgemäße Verwaltung Sorge zu tragen hatte. Somit ist der Codex nicht nur ein Missionshandbuch, er ist vielmehr als pontifikaler Ratgeber zu sehen.

Beschreibung und Herkunft der Handschrift Clm 6426

Die Pergamenthandschrift ist in der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts entstanden. Sie besteht aus 1 + 170 Blatt und misst 25,5 x 20,5 cm. Die Zählung der Blätter wurde im 19. Jahrhundert vorgenommen, es handelt sich um vier aufeinander bezogene Teile (I: f. 1-49, II: f. 50-86, III: f. 87-147 und IV: f. 148-169).

Schriftraum und Zeilenzahl sind sehr einheitlich: Zahlreiche, sich rasch abwechselnde Schreiber verwendeten die karolingische Minuskel. Das Manuskript ist in einen hellen spätgotischen Ledereinband gebunden, der mit Streicheisenlinien verziert ist. Schließe und Kettenöse sind abgerissen.

Die Handschrift wurde im Auftrag Bischof Abrahams (957-994) größtenteils in Freising zusammengestellt. Ein Indiz für ihre Verwendung im Gebiet der slawischen Karantanen sind die volkssprachlichen Texte. Bezüglich der Lokalisierung der Vorlagen wurde jüngst Kloster Molzbichl in Oberkärnten vorgeschlagen. Zusätzlich richtungweisend sind die nach dem Wettersegen angefügten, aber - abgesehen vom Zentrum der Freisinger Herrschaft Laca (Škofja Loka) - offenbar noch nicht bestimmten Ortsnamen in Krain, die der Dämon Mermeunt vor Unbilden verschonen sollte (60v).

Literatur und Quellen

Eine ausführliche Beschreibung der Handschrift erscheint demnächst in: Katalog der lateinischen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek München. Die Pergamenthandschriften aus dem Domkapitel Freising. Bd. 2 Clm 6317-6437. Bearbeiter ist Günter Glauche, der freundlicherweise sein Katalogisat zur Erschließung der digitalen Version zur Verfügung gestellt hat.

 

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Hinweise zur Benutzung

Das Angebot steht in einer Blätterversion zur Verfügung, die durch ein Inhaltsverzeichnis erschlossen ist.

Angaben zum Projekt

Das Angebot ist seit 2006 online. Grundlage des Digitalisats war ein Mikrofilm mit einigen Scans vom Original. 2012 wurde das bisherige Digitalisat durch ein vollständiges Digitalisat vom Original ersetzt.