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Gebetbuch Karls des Kahlen aus der Schatzkammer der Residenz München

kdk Folio 38v: Darstellung Karls des Kahlen

Das kleinformatige Gebetbuch (14,2 x 11,5 x 3,7 cm) stammt aus dem persönlichen Besitz Karls des Kahlen (823-877), dem Enkel Kaiser Karls des Großen (747-814), der 843 die westfränkische Königswürde erlangte und 875 in Rom zum Kaiser gekrönt wurde. Die 46 Pergamentblätter der Handschrift (13,5 x 11 cm) wurden zwischen 846 und 869 in der so genannten Hofschule Karls des Kahlen aufwändig gestaltet. Das Buch enthält Buß- und Stundengebete, Psalmen sowie Gebete für verschiedene Anlässe, die für den Gebrauch Karls abgewandelt wurden. Der Text ist vollständig in Gold, teilweise auf Purpur geschrieben, die Seiten sind mit Ornamentbordüren gerahmt und mit Initialen geziert. Auf der Doppelseite vor einem Gebet zur Verehrung des Heiligen Kreuzes (fol. 38v-39r) finden sich die einzigen figürlichen Darstellungen der Handschrift, zwei ganzseitige Miniaturen, die den Herrscher in Anbetung des gekreuzigten Christus zeigen.

Das Gebetbuch Karls des Kahlen in der Schatzkammer der Residenz München (ResMü.Schk0004-WL) ist das älteste überlieferte Königsgebetbuch des Mittelalters. Es gehört zu einer Gruppe prunkvoller Handschriften höchsten Anspruchs, die im Auftrag Karls des Kahlen entstanden und einen letzten Höhepunkt karolingischer Buchkunst darstellen.

Vom 14. Jahrhundert bis zur Reformation ist die Handschrift im Großmünster von Zürich nachweisbar. Danach gelangte sie in das Kloster Rheinau (Schweiz), wo sie Herzog Wilhelm V. von Bayern (1548-1626) 1583 für München erwerben konnte. Den heutigen Einband aus Leder mit Goldstickerei und bayerischen Perlen, ließ wohl erst Kurfürst Maximilian I. von Bayern (1573-1651) nach 1635 anfertigen. Dieser ersetzte den ursprünglichen Buchdeckel, der historischen Beschreibungen zufolge zwei Elfenbeinreliefs mit Darstellungen der Verkündigung und der Heimsuchung bzw. der Geburt Jesu Christi aufwies, die sich heute nicht mehr eindeutig nachweisen lassen.

 

Inhalt

Die 46 Pergamentblätter des Gebetbuches sind mit Ausnahme von fünf beschrieben oder bemalt. Das Titelblatt (fol. 1r) trägt die Überschrift "Enchiridion Precationum Caroli Calvi Regis" (Gebetbuch König Karls des Kahlen). Der gesamte Text ist in Gold geschrieben, direkt auf das Pergament oder auf purpurfarbenen Grund. Fast alle Seiten sind mit Zierleisten gerahmt. Die Gebetsanfänge sind durch goldene Initialen auf Purpur hervorgehoben. Das Buch weist allerdings nur eine ganzseitige Schmuckinitiale auf (fol. 7r).

Die einzigen figürlichen Darstellungen finden sich auf den Seiten 38v und 39r vor einem Gebet zur Verehrung des Heiligen Kreuzes. Die Doppelseite zeigt den gekrönten Herrscher (links) in Anbetung des gekreuzigten Christus (rechts). Die beiden Bildseiten sind durch breite goldene Rahmen, die mit Perlen und Edelsteinen verziert sind, ausgezeichnet. Karl kniet – Christus zugewandt, seine rechte Hand erhoben – in einem kostbaren Gewand, roten Strümpfen, gezierten Schuhen sowie einem purpurnen Mantel, dessen Säume mit Perlen bestickt sind und der über der rechten Schulter mit einer goldenen Fibel geschlossen ist, auf der Erde vor einem purpurfarbenen, grünen und blauen Grund. Die Krone auf Karls Haupt ist ebenfalls mit Perlen besetzt. Seine Haare sind blond dargestellt, sein Gesicht ist Christus zugewandt und erscheint ausgesprochen lebensnah. Mit einer Inschrift im oberen Teil des Bildes in Gold auf Purpurgrund in vier Zeilen wendet sich Karl an Christus und bittet um Beistand: "In cruce qui mundi / solvsisti crimina XPE‘ [Christe] /orando mihimet . tu vul / nera cuncta resolve" (Der Du, Christus am Kreuz die Sünden der Welt getilgt hast, öffne von neuem, ich bitte, all deine Wunden für mich). Christus am Kreuz vor purpurfarbenem und blauem Grund auf der gegenüberliegenden Seite blickt seinerseits auf den König. Während sich am Fuß des Kreuzes die Schlange als Symbol der durch Christi Opfertod überwundenen Macht des Bösen vor einem kleinen Erdhügel windet, erscheint über dem Haupt des Erlösers zwischen Sonne und Mond eine Hand, Symbol für Gott Vater, die einen Kranz, das Zeichen des Sieges, über das Haupt des Gekreuzigten hält.

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Datierung

In der Widmungsinschrift ("Incipit liber orationum quem Karolus piissimus rex Hludouuici caesaris filius omonimus colligere atque sibi manualem scribere iussit" fol. 6v), wird Karl als "sehr frommer König" angesprochen. Daraus geht hervor, dass das Gebetbuch zur Königszeit Karls (843-875) entstanden ist. Zudem wird Karl nicht nur als Auftraggeber der Handschrift, sondern auch als ihr Benutzer benannt. Damit lässt sich auch das Bild des neben dem Gekreuzigten knienden Königs (fol. 38v) eindeutig als Darstellung Karls des Kahlen identifizieren. Zudem sind die Gebetstexte und die Fürbitten für den persönlichen Gebrauch Karls modifiziert. Sie beziehen sich auf ihn selbst, seine Gemahlin Irmintrud und seine Nachfahren ("Libera me … cum coniunge nostra Irmindrudi ac liberis nostris" fol. 21v). Somit kann die Entstehungszeit des Gebetbuchs auf 846-869 eingegrenzt werden: Ludwig, der älteste Sohn Karls, wurde im Jahr 846 geboren, Irmintrud, seine erste Gemahlin, starb 869.

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Entstehungsort

Das Gebetbuch stammt aus den Hofwerkstätten Karls des Kahlen, die in seinem Auftrag insbesondere Handschriften, Elfenbein- und Goldschmiedearbeiten fertigten. Die Aufgabe dieser so genannten "Hofschule" Karls des Kahlen war es, mit ihren Werken ein Höchstmaß an künstlerischer Qualität – insbesondere in Anlehnung an die Antike und Byzanz – zum Ruhm des Herrschers und seiner Selbstdarstellung zu liefern. Da der Hof Karls des Kahlen seine Aufenthaltsorte oft wechselte, lässt sich auch seine "Hofschule" nicht an einem Ort lokalisieren. Die Zuordnung ihrer Handschriften reicht deshalb von Compiègne über Corbie und St. Denis bis Reims. Die "Hofschule" Karls des Kahlen gilt als das letzte große Zentrum der an der Antike orientierten so genannten karolingischen Renaissance.

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Provenienz

Das Gebetbuch Karls des Kahlen wird 1333 und 1525 in Inventaren des Großmünsters von Zürich genannt. Nach Auflösung des Kollegiatstifts im Zuge der Reformation gelangte es in das Benediktinerkloster Rheinau (Schweiz). Dort hat es Bischof Feliciano Ninguarda (1524-1595), der apostolische Nuntius für Oberdeutschland und Statthalter Papst Gregors XIII. (1502-1585) im Hochstift Regensburg, gesehen. Daraufhin veranlasste er eine 1583 in Ingolstadt gedruckte Ausgabe der Handschrift, die mit vier Stichen – den zwei Eingangsseiten sowie den Bilder des knienden Königs Karl und des gekreuzigten Christus – versehen war (→ Digitalisat). Das Werk widmete er dem bayerischen Erbprinzen Maximilian, dem Sohn Herzog Wilhelms V. von Bayern (reg. 1579-1598). In der Einleitung dieser Ausgabe werden auch die zwei Elfenbeintafeln des Buchdeckels des Gebetbuchs als Darstellungen der Verkündigung und der Heimsuchung Mariä sowie der Geburt des Erlösers benannt. Durch Nuntius Ninguarda veranlasst, überließ der damalige Abt von Rheinau, Johann Theobald Werle von Greifenberg, 1583 das Gebetbuch Karls des Kahlen Herzog Wilhelm V., der es seiner Hofbibliothek in München einverleibte. Dort wird es 1611 von dem Augsburger Philipp Hainhofer (1578-1647) in einem Reisebericht erwähnt ("Caroli Calvi Imperatoris aureis literis manuscriptus libellus precationum") und in einem Bibliotheksverzeichnis um 1618 (publiziert bei Hartig 1917) mit den Elfenbeinbuchdeckeln ("in helffenpain eingebunden") genannt.

Herzog Maximilian I. von Bayern (1598-1651, ab 1623 Kurfürst), der 1598 nach der Abdankung seines Vaters, Wilhelms V., die Regierung in Bayern übernahm, hat das Gebetbuch, dessen gedruckte Ausgabe Ninguarda ihm, dem damaligen Erbprinzen, 1583 gewidmet hatte, dann aus der herzoglichen Bibliothek in seine persönliche Kunstsammlung, die so genannte Kammergalerie direkt neben seinem Wohnappartement in der Residenz übernommen. Diese 1607 begründete Galerie, die eine Sammlung von Gemälden und ausgewählten Schätzen des Kunsthandwerks umfasste, diente Maximilian I. auch als Bibliothek. Das Gebetbuch Karls des Kahlen – nun allerdings mit einem neuen Umschlag versehen – wird in dem um 1635/1638 aufgestellten Inventar der Kammergalerie erstmals verzeichnet und erneut im Inventar von 1641/42 beschrieben: "Ein Piramentes Buech, Caroli Calvi Enchiridion Precationum, die dekhe von schwarzem schmeckhenten spanischen leder, mit grossen Bayerischen Perlen, unnd golt gestikht, auch 2 goltenen gesperlen, ist in ainem mit rothem leder und golt getruckhten fuederal, mit 2 weis silbernen clausum gebundten" (fol. 67r/v).

Spätestens gegen 1730 wurde die Kammergalerie aufgelöst. Seit 1730 ist das Gebetbuch in den Inventaren der Schatzkammer der Münchner Residenz verzeichnet. 1938 hat man es in die Schatzkammer der Reichen Kapelle überführt. Nach der Auslagerung während des Zweiten Weltkriegs wurde es zunächst vermisst, konnte dann aber in der 1958 im Königsbau der Münchner Residenz neu eingerichteten Schatzkammer wieder präsentiert werden. Aus konservatorischen Gründen kann es allerdings nicht aufgeschlagen gezeigt werden, so dass dort heute nur das geschlossene Buch mit dem perlenbesetzten Lederumschlag zu sehen ist.

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Verbleib der Elfenbeinplatten des ursprünglichen Buchdeckels

Der Verbleib der ursprünglich zum Buchdeckel des Gebetbuchs Karls des Kahlen gehörigen Elfenbeintafeln ist ungeklärt. Im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich sind zwei Elfenbeinreliefs (LM 21825) erhalten, die in der "Hofschule" Karls des Kahlen gefertigt wurden und deshalb wohl auch zu einer der vielen Handschriften gehörten, die der König in Auftrag gegeben hat. Nach Inhalt (Psalmenillustrationen) und Format (11,2/11,3 x 8,8/8,5 cm) könnten sie zum Gebetbuch der Münchner Schatzkammer passen. Die Darstellungen, welche die Psalmen 24.(25.) und 26.(27.) ausgesprochen wortgetreu mit einer Vielzahl bewegter Figuren in verschiedenen Einzelszenen illustrieren, lassen sich aber nicht mit den von Ninguarda in seiner gedruckten Ausgabe von 1583 genannten Szenen der Verkündigung und der Heimsuchung Mariä sowie der Geburt Christi auf den Elfenbeintafeln des Gebetbuchs Karls des Kahlen in Einklang bringen.

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Literatur (Auswahl)

  • Monika Bachtler/Peter Diemer/Johannes Erichsen, Die Bestände von Maximilians I. Kammergalerie. Das Inventar von 1641/1642, in: Quellen und Studien zur Kunstpolitik der Wittelsbacher vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, hrsg. v. Hubert Glaser, Mitteilungen des Hauses der Bayerischen Geschichte I, München 1980, S. 191-252, hier: S. 222, Kat. XI,9.
  • Robert Deshman, The Exalted Servant: The Ruler Theology of the Prayerbook of Charles the Bald, in: Viator 11, 1980, S. 385-417.
  • Das Evangeliar Heinrichs des Löwen und das mittelalterliche Herrscherbild, Ausstellungskatalog, hrsg. v. Horst Fuhrmann und Florentine Mütherich, Bayerische Staatsbibliothek Ausstellungskataloge 35, München 1986, hier: S. 36, Kat. 1.
  • Otto Hartig, Die Gründung der Münchner Hofbibliothek durch Albrecht V. und Johann Jakob Fugger, in: Abhandlungen der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften Philosophisch-philologische und historische Klasse XXVIII. Band, 3. Abhandlung, München 1917, hier: S. 339.
  • Christian Häutle, Die Reisen des Augsburgers Philipp Hainhofer nach Eichstätt, München und Regensburg in den Jahren 1611, 1612 und 1613, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg 8, 1881, S. 1-316, hier: S. 82.
  • Otto der Große und das Römische Reich. Kaisertum von der Antike zum Mittelalter, Ausstellungskatalog, hrsg. von Matthias Puhle und Gabriele Köster, Landesausstellung Sachsen-Anhalt aus Anlass des 1100 Geburtstages Ottos des Großen, Kulturhistorisches Museum Magdeburg, Regensburg 2012, hier: S. 487-488, Kat. IV.43 (Thomas Labusiak), S. 489-492, Kat. IV.44a-b (Michael Peter).
  • J. R. Rahn, Ein wiedergefundenes Kleinod des Grossmünsters in Zürich: Karls des Kahlen Gebetbuch in der Königlichen Schatzkammer in München, Separat-Abdruck aus dem „Anzeiger für schweizerische Alterthumskunde“, 1878, Nr. 1 und 2.
  • Schatzkammer der Residenz [München]. Katalog, hrsg. v. Herbert Brunner, 3. Aufl. München, Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen 1970, hier: S. 34-35, Kat. 4.

 

 

Sabine Heym, München

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Hinweise zur Benutzung

Das Digitalisat steht in einer Blätterversion zur Verfügung. Ein Download der Handschrift im Adobe-PDF-Format ist in Teilen oder gesamt für wissenschaftliche oder private Zwecke möglich.


Angaben zum Projekt

Die Digitalisierung des Gebetbuchs Karls des Kahle ist ein Kooperationsprojekt der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen mit der Bayerischen Staatsbibliothek München. Die Digitalisierung der Handschrift sowie ihre Bereitstellung im WWW und die Langzeitarchivierung der Scans erfolgte durch das Münchener Digitalisierungszentrum der Bayerischen Staatsbibliothek (MDZ).

Die Handschrift wurde im August 2012 durch das MDZ digitalisiert. Sie wird seit Februar 2013 im Rahmen der Bayerischen Landesbibliothek Online präsentiert.

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