Bayerische Landesbibliothek Online
Das Portal zu Geschichte und Kultur des Freistaats

Fritz Henßler

Titelblatt_Henßler Max Adler: Die Kulturbedeutung des Sozialismus.

Die Bayerische Staatsbibliothek übernahm nach 1945 mehrere Bibliotheken aufgelöster NS-Institutionen. Diese waren zuvor der bayerischen Regierung von der amerikanischen Besatzungsmacht überlassen worden. Mit den so erhaltenen Büchern konnten zwar kriegsbedingte Verluste ersetzt werden, gleichzeitig gelangten aber auch in der NS-Zeit geraubte Bücher in den Bestand der BSB. Ein Beispiel dafür eine Broschüre aus dem Besitz des Sozialdemokraten Fritz Henßler, die 1949 an die BSB gelangte.

Fritz Henßler wurde 1886 in Altensteig im Schwarzwald geboren, wo er nach Besuch der Volksschule eine Lehre als Buchdrucker absolvierte. Bereits mit 19 Jahren trat er der SPD bei und engagierte sich in der Arbeiterbewegung. Ab 1910 lebte und arbeitete Henßler dann in Dortmund, zuerst weiterhin als Schriftsetzer, später dann als Redakteur der Dortmunder Arbeiterzeitung. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er erstmals in die Dortmunder Stadtverordneten-Versammlung gewählt, wo er der sozialdemokratischen Fraktion ab 1925 vorstand. Ebenso war er seit 1929 Parteivorsitzender der SPD für das westliche Westfalen sowie ab 1930 Abgeordneter seiner Partei im Reichstag.

Aufgrund seiner parteipolitischen Tätigkeit wurde Fritz Henßler bereits 1933 von den Nationalsozialistischen Machthabern mehrere Wochen in "Schutzhaft" genommen und aller seiner Ämter enthoben. Nach seiner Haftentlassung knüpfte er vorsichtigen Kontakt zum sozialdemokratischen Widerstand und half mit, diesen in Dortmund zu organisieren. 1936 erneut verhaftet und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, wurde er nach dem Ende seiner Haftstrafe nicht entlassen, sondern stattdessen in das Konzentrationslager Sachsenhausen gesperrt. Nach acht Jahren Haft in Sachsenhausen gelang es ihm im April 1945, schwer verletzt auf dem Todesmarsch der KZ-Häftlinge Richtung Westen zu entkommen. Wenige Wochen später gelangte Henßler zurück nach Dortmund.

Nach dem Ende der NS-Zeit begann Henßler sofort wieder mit seinem politischen Engagement für die Sozialdemokratie. Aufgrund seiner herausragenden Stellung innerhalb der Partei wurde er deren Vorsitzender in Westfalen sowie ab 1946 Mitglied des Landtags von Nordrhein-Westfalen und im selben Jahr Oberbürgermeister von Dortmund. Ab 1949 war er sozialdemokratischer Abgeordneter im Bundestag, 1952 zog er in das Europaparlament ein. Bereits 1953 verstarb Henßler an den gesundheitlichen Folgen seiner langjährigen KZ-Haft.

Bei dem Büchlein aus Henßlers Besitz handelt es sich um die Schrift Die Kulturbedeutung des Sozialismus des österreichischen Politikers und Sozialphilosophen Max Adler (1873–1937). Ein handschriftlicher Eintrag von 1927 verweist auf Henßler als Vorbesitzer. Wann ihm das Werk exakt geraubt wurde, lässt sich nicht mehr ermitteln. Zwei weitere Stempel geben jedoch einen deutlichen Hinweis auf den Entzugsvorgang: Der Stempel des "Reichsinstituts für die Geschichte des neuen Deutschlands", einer pseudowissenschaftlichen NS-Forschungseinrichtung, zeigt, dass das Werknach der Beschlagnahme in die Institutsbibliothek vereinnahmt wurde. Dort sammelte man unter anderem größere Bestände an sozialistischer Literatur. Nach dem Ende des "Dritten Reichs" wurden die Bücher des Reichsinstituts eine Zeit lang dem US-Besatzungssender Radio München zur Verfügung gestellt, dessen Stempel sich ebenfalls im Buch findet. Die Buchbestände des Radiosenders gingen anschließend 1949 als Schenkung an die BSB München.

Am 7. September 2015 restituierte die Bayerische Staatsbibliothek das Werk an das Stadtarchiv Dortmund, in dem sich ein Teilnachlass Fritz Henßlers befindet.

Der restituierte Titel wird im BSB-Katalog weiter angezeigt. Er ist mit einer entsprechenden Bemerkung zur Provenienz versehen worden, die im OPAC unter der Rubrik "mehr zum Titel" erscheint. Er kann mit der Eingabe "BSB-Provenienz: Fritz Henßler" über die Einfache Suche im OPAC recherchiert werden. Da das Stadtarchiv Dortmund sich mit der Digitalisierung einverstanden erklärt hatte, ist der Online-Zugriff auf das Digitalisat möglich.