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Kartell der freiheitlichen Vereine in München

Die am 24.07.2017 restituierten Bände
Stempel von Dr. Max Riess
Stempel des Kartells der freiheitlichen Vereine in München

Die Stempel "KFVM" und "M. Riess" verweisen auf das Kartell der freiheitlichen Vereine in München bzw. auf eines von dessen Gründungsmitgliedern, Dr. Max Riess (auch: Rieß, 1871-1908). Das Kartell entstand im Juni 1907 durch den Zusammenschluss von vier Vereinen, nämlich der Ortsgruppe München des Deutschen Monistenbundes, der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur, der Freireligiösen Gemeinde München und dem Jungdeutschen Kulturbund. Ziel dieser Vereinigung war eine verbesserte Zusammenarbeit untereinander sowie eine stärkere Repräsentation nach außen. Das Kartell selbst hatte  keine Mitglieder, sondern versammelte die der kartellierten Vereine unter seinem Dach. Dem Verbund stand ein Vorsitzender vor, Entscheidungen trafen Vertreter aller Vereine in der Delegiertenkonferenz. Um 1914 besaßen die im Kartell organisierten Vereine insgesamt ca. 1100 Mitglieder.

Vom anfänglichen Heim in der Königinstr. 71 in München wechselte man 1910 in zentral gelegene Räumlichkeiten in der Weinstraße 8. Dort wurde auch ein Lesesaal eingerichtet, in dem aktuelle Zeitschriften und eine Bibliothek zur Verfügung standen. Ihren Grundstock war die Privatbibliothek Max Riess. Weiteren Zuwachs erfuhr die Büchersammlung durch Spenden einzelner Mitglieder, Abgaben von Händlern und Verlagen sowie durch den Nachlass eines ungenannten Gymnasiallehrers.

Für die Zwischenkriegszeit sind keine weiteren Berichte des Kartells überliefert. Es ist anzunehmen, dass der Jungdeutsche Kulturbund und die Deutsche Gesellschaft für ethische Kultur 1933 nicht mehr existierten oder zumindest inaktiv waren, da beide Gruppierungen in der behördlichen Überlieferung nicht mehr auftauchen. Die Ortsgruppe des Monistenbundes jedoch wurde im Mai 1933 verboten, das Vermögen beschlagnahmt. 1946 der Deutsche Monistenbund als Freigeistige Aktion – Deutscher Monistenbund in München wiedergegründet. Die Freireligiöse Gemeinde München war nicht verboten, ihre Tätigkeit aber wurde bis 1938 fast vollständig unterdrückt, einzelne Mitglieder verfolgt. Heute existiert sie als Bund für Geistesfreiheit Bayern weiter.

Der sichere Hinweis auf einen Entzugsvorgang ist die in allen Büchern auf dem Titelblatt mit Bleistift eingetragene Schenkernummer G.n. 14428. Sie steht für die Gestapo München. Stempel ordnen die Bücher dem Kartell zu, als dessen Nachfolgeorganisation heute der "Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V." (DFW) fungiert.

Die Bücher wurden am 24. Juli 2017 in München der Präsidentin des  DFW, Frau Renate Bauer, übergeben. Ebenfalls bei der Restitution anwesend waren Frau Ortrun Lenz als Repräsentantin der Freigeistigen Aktion für humanistische Kultur e.V. (Nachfolgeorganisation des Monistenbundes) sowie Frau Assunta Tammelleo für den Bund für Geistesfreiheit.

Die am 24.07.2017 restituierten zehn Bände sind digitalisiert und werden, ergänzt um Angaben zur Provenienz, weiter im BSB-Katalog angezeigt.