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(Un-)literarisches vom und zum Oktoberfest

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Obwohl das Oktoberfest seit 1810 das zentrale Volksfest Münchens und eines der wichtigsten Feste Bayerns ist, hat es weniger  literarische Resonanz hervorgerufen, als man vielleicht erwarten könnte. Trotzdem erschienen seit 1810 zahlreiche Schriften, welche die Festereignisse auf der Theresienwiese literarisch verarbeiten.

Man kann die literarische Beschäftigung mit dem Oktoberfest grob in drei Phasen unterteilen. Ab ungefähr 1830 erschien eine große Flut von Pamphleten, die als Oktoberfest-"Predigten" oder "lustige" Szenen auftraten. Sie wurden anonym veröffentlicht, kritisierten sie doch zum Teil beißende die in den Augen der Autoren zu lockere Moral der Festbesucher im Speziellen und die Zustände im Königreich Bayern ganz allgemein. Wahrscheinlich ermöglichte es die am zu Beginn der Regierungszeit Ludwig I. lockerer gehandhabte Zensur, diese Schriften zu veröffentlichen. Mit der Verschärfung der bayerischen Zensur in den 1830er Jahren ebbt entsprechend die Publikation solcher Hefte ab.

Mit der "humoristischen" Darstellung des Oktoberfests, die Carl Eduard Müller (1796-1873) 1834 vorlegte, erhielt die bereits vorher vorhandene Form der losen Aneinanderreihung (situations-)komischer Episoden im Umkreis der Festereignisse ihre definitive und populärste Ausprägung. Die "lustigen", sicher aber auch harmlosen Reime und Szenen Müllers fanden schon zu Lebzeiten des Autors Nachahmer und beeinflussen direkt oder indirekt bis heute die humoristische Oktoberfestliteratur.

Nach 1900 erschienen weitere Oktoberfest-Geschichtchen vor allem in diversen Zeitungen und Zeitschriften. Große Verbreitung erreichte als eigenständiges Werk  insbesondere die Satire des populären Volkssängers, Schauspielers und Autors Alois Hönle (1871-1943): "Lucki Baron von Giesing, Herr auf Steintrag und Schaufelhamm und seine Braut Baronesse Cenzi von Haidhausen, Edle von Mörtel und Stadelheim am Münchner Oktoberfest". Dies belegen zahlreiche Ausgaben bis in die Zwanziger Jahre hinein  (Zitate). Auch die absurden Oktoberfestszenen, die Karl Valentin (1882-1948) aufführte, sollen hier Erwähnung finden.

Endgültig als Schauplatz der Literatur etabliert sich das Münchener Oktoberfest im 1932 erstmals aufgeführten Volksstück "Kasimir und Karoline" von Ödön von Horváth (1901-1938) (Zitate). Das während der Weltwirtschaftskrise spielende Stück lebt vom Kontrast zwischen der ausgelassenen Oktoberfestatmosphäre und den trostlosen Verhältnissen seiner Protagonisten, denen es nicht gelingt, aus ihrem Milieu auszubrechen.

In jüngster Zeit erfreuen sich vor allem Kriminalromane, deren Handlungen das Oktoberfest einbeziehen, großer Beliebtheit.


Inhalt

Frühe Texte

Dr. Carl Eduard Müller (1796 - 1873)

Texte in der Nachfolge Müllers


Frühe Texte

Den ersten teilliterarischen Texten zum Oktoberfest ist gemein, dass sie mindestens vordergründig einen Zweck verfolgen. In der Regel wollten sie entweder die Ereignisse verherrlichen oder aber Sitten und Moral der Festbesucher kritisieren. Viele Texte sind dadurch wichtiges Quellenmaterial, bieten aber dem heutigen Leser kaum noch literarischen Genuss.

Moralische Traktate und "Predigten"

Eine Reihe von Pamphleten, die um 1830 erschienen, nutzen die Oktoberfestszenerie als Hintergrund für kritische bis hasserfüllte Texte. Herauszuheben ist hierbei vor allem das von traditioneller Judenfeindschaft geprägte, auf 1828 datierte, Traktat der "Schicksale des Jüdleins Nathan Fahrum und seines Ziehsohnes Jakob". Der Jude Nathan wird darin mit allen negativen Stereotypen der Judenfeindlichkeit seiner Zeit belegt, er erscheint als Lügner, Betrüger und von Geldgier getriebener Mensch. Am Ende des Traktats steht die Bekehrung Nathans zum christlichen Glauben.

Weitere Pamphlete kritisieren vor allem einen vom jeweiligen Autor wahrgenommenen allgemeinen Sittenverfall, wie er sich am Oktoberfest am augenfälligsten zeigen sollte. Wahlweise werden die Ausfälle der Autoren (die teilweise miteinander identisch sein könnten) als "Tinktur" eines Quacksalbers, als Höllenpredigt eines Pater Abraham - vielleicht in Anspielung auf Abraham a Santa Clara (1644-1709) - oder als Reden und Szenen mit dem Teufel und seiner Großmutter präsentiert.

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Anonym
Sonderbare Aeuserungen und unerwartete Schicksale des Jüdleins Nathan Fahrum und seines Ziehsohnes Jakob auf dem Okobterfeste zu München 1828.
Israelitische Zeitschrift, an's helle Tageslicht befördert vom reisenden Antiteufel.

[München?], 1828

 

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Anonym
Octoberfests-Moraltinctur,
zu haben auf der Theresienwiese in der Bude des berühmten Doctor Dumdum.

[München?], 1829

 

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Anonym
Pater Abraham's Predigt auf dem Oktoberfeste zu München,
oder wie Pater Abraham die Bauern im ersten Kapitel kampelt, die Handwerksleute im zweiten Kapitel bürstet, und im dritten Kapitel die großen Vögel rupft und wascht.

[München?],um 1830

 

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Anonym
Die Hexen-Predigt am Oktoberfest,
von der Erzhexe und Großmutter des Teufels, gehalten auf der Vogelstange des Sendlinger Hügels.

[München?], um 1830

 

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Anonym
Der Teufel und die Hexe auf dem Oktober-Feste 1830.

[München?], 1830

 

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Anonym
Der Zeitgeist und die Menschen, ein Sünden-Spiegel für die Welt.
Eine Oktoberfest-Predigt, sammt der Beschreibung aller Feyerlichkeiten und lustigen Dingen.

[München?], 1835

 

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Bilderrätsel (Rebus)

Bilderrätsel erfreuten sich in der Biedermeierzeit großer Beliebtheit. Die beiden hier präsentierten Traktate - die inhaltlich in den Bereich der moralisch-kritischen Traktate einzuordnen sind - nutzen ausgiebig Bildchiffren, vielleicht auch, um es der damaligen Zensur schwerer zu machen. Für heutige Leser sind diese Traktate wegen des veränderten Sprachgebrauchs stellenweise nur noch mühsam zu dechiffrieren. Das Traktat über "Frau Vitzlibutzli" und "Frau Wischiwaschi" hat zudem stark frauenfeindliche Züge.

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Anonym
Wie die Frau Vitzlibutzli - Kartenauffschlagerin, Gelegenheitsmacherin, und Geldaufbringerin, - und die Frau Wischiwaschi - Schneckenhandlerin, Fleckenputzerin, und Bosetzerin,- als Mannsbilda vokloadt, auf dem Oktoberfest d´Leut ausrichten thäten.

[München?], um 1830.

 

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Anonym
Eulenspiegel´s Prophezeihung auf dem [Oktoberfest] in München.

[München?],  1832.

 

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Sonstige Texte

Das vom eifrigen Bibliothekar und Germanisten Bernhard Joseph Docen (1782 - 1825) verfasste Gedicht über das Oktoberfest 1815 ist möglicherweise das älteste erhaltene literarische Zeugnis zum Oktoberfest. Docen behandelt hier die Festlichkeiten in einem feierlichen, zuweilen eher steifen Gedicht, dessen Form Docens Leidenschaft für die mittelhochdeutsche Dichtung, vor allem für Wolfram von Eschenbach, widerspiegelt.

Der anonym erschienene "Katechismus der Münchner-Welt" nutzt die Form des katholischen Katechismus, um beißende Kritik an den Münchener Sitten zu üben. Er gehört zwar grundsätzlich in das Umfeld der oben präsentierten Traktate, grenzt sich aber von diesen durch einen stärkeren Humor ab. Die Szene des "reisenden Sepperl" verlässt schließlich die Ebene der Moralkritik fast völlig und leitet damit inhaltlich bereits zu den Texten von Carl Eduard Müller über.

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Bernhard Joseph Docen
Baierische Festspiele auf der Theresien-Wiese bei München.

[München?], 1815

 

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Anonym
Katechismus der Münchner-Welt.

München, um 1825

 

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Anonym
Der reisende Sepperl mit seinem Vater auf dem October-Fest zu München.

[München?], um 1830

 

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Dr. Carl Eduard Müller (1796 - 1873)

Über das Leben Carl Eduard Müllers ist nur recht wenig bekannt. Der Sohn eines Juristen studierte Medizin und arbeitete in München und später (ab 1853?) in Kötzting als Arzt. Müllers Gedichte erschienen ab ca. 1832 auch eigenständig. Seine bayerische Sprache und sein zum Teil deftiger Wortgebrauch kamen beim Publikum der Zeit offenbar gut an, viele seiner Büchlein wurden mehrfach nachgedruckt und wahrscheinlich in hohen Auflagen verkauft. Ein guter Teil der Komik resultiert wohl auch aus dem holprigen Stil der Verse.

 

Das Octoberfest auf der Theresien-Wiese zu München. Originell und humoristisch dargestellt

Die humoristische Darstellung des Oktoberfests, die Müller 1834 drucken ließ, wurde sein größter Erfolg. Die losen, meist harmlos-humoristischen Szenen müssen den zeitgenössischen Lesern gut gefallen haben. Bereits 1835 erschien eine erweiterte zweite Auflage, die alternativ auch mit Gitarrennoten publiziert wurde. 1850 war man bereits bei der sechsten Auflage angekommen und noch 1860 erschien eine Ausgabe.

Selbst noch im Jahre 1911 wurden in den von Emil Stahl herausgegebenen Oktoberfestzeitungen Ausschnitte von Müllers Szenen - allerdings ohne Quellenangabe - abgedruckt.

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Carl Eduard Müller
Das Octoberfest auf der Theresien-Wiese zu München.
Originell und humoristisch dargestellt.

München, 1834

 

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Carl Eduard Müller
Das Octoberfest auf der Theresien Wiese zu München, komisch dargestellt.
Zweyte vermehrte und verbeserte Auflage.

München, um 1835

 

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Carl Eduard Müller
Das Octoberfest auf der Theresienwiese zu München, komisch dargestellt und zur Declamation mit Begleitung der Guitarre eingerichtet.

München, um 1835

 

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Carl Eduard Müller
Das Octoberfest auf der Theresien-Wiese zu München, komisch dargestellt.
Sechste allein rechtmäßig Auflage

München, um 1850

 

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Carl Eduard Müller
Das Oktoberfest in München.

München, 1860

 

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Weitere Werke

Müllers Gedicht vom Keferloher Markt, das 1832 erschien, kann als direkter Vorläufer zu seinem Oktoberfest-Buch gelten. Nach dem Erfolg desselben verfasste er eine ähnliche Darstellung zur Jacobidult in der Au. Beide Bändchen fanden aber wohl nicht dieselbe Ressonanz. Im Jahre 1834 und, stark erweitert, 1853 erschienen Bücher mit den gesammelten Gedichten Müllers, auch das Oktoberfest-Werk findet sich hier nochmal abgedruckt. Die Druckorte Stuttgart und Rorschach in der Schweiz zeigen, dass die Gedichte über Bayern hinaus bekannt und beliebt waren. Vielleicht erst nach seinem Tod 1873 erschien ein Bändchen mit letzten Gedichten des Autors.

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Carl Eduard Müller
Der Keferloher Markt bey München. Komisch vorgestellt.

München, 1832

 

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Carl Eduard Müller
Die Iacobidult zu München. Seitenstück zum Octoberfest auf der Theresienwiese.

München, um 1834

 

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bsb10129721

Carl Eduard Müller
Gedichte, Aufsätze und Lieder im Geiste Marcellin Sturms. Gesammelt und jedem lustigen Männerzirkel gewidmet.

Stuttgart, 1834

 

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Carl Eduard Müller
Gedichte, Aufsätze und Lieder im Geiste Marcellin Sturms. Gesammelt und jedem lustigen Männerzirkel gewidmet.
Neueste Auflage.

Rorschach,1853

 

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Carl Eduard Müller
Dr. Carl Müllers Gedichte aus seiner letzten Zeit in Kötzting.

Kötzting, nach 1873 (?)

 

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Texte in der Nachfolge Müllers

Der Erfolg von Carl Eduard Müllers Oktoberfest-Buch regte Nachahmer an, die mit  ähnlichen Werken (und ähnlichem Titel) an seinem Erfolg teilhaben wollten. Aus diesem Grund trägt die oben präsentierte sechste Auflage des Müllerschen Oktoberfest-Buchs den Vermerk der "allein rechtmäßigen Auflage".

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Wilhelm Erdmann
Das Octoberfest zu München.

München, 1835

 

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Anonym
Das Octoberfest zu München.

[München?], um 1850

 

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