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Thomas Mann

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Der Schriftsteller Thomas Mann (1875-1955) gehörte zu den prominenten Gegnern des Nationalsozialismus. Bereits am 17. Oktober 1930 richtete er im Beethoven-Saal in Berlin einen „Appell an die Vernunft“. Als sein Vortrag über „Leiden und Größe Richard Wagners“ am 10. Februar 1933 im Auditorium Maximum der Universität München zum „Protest der Richard-Wagner-Stadt München“ geführt hatte, kehrte Thomas Mann im Frühjahr 1933 von einer Vortragsreise im Ausland nicht mehr nach Deutschland zurück. Der Schriftsteller ließ sich zunächst in Küsnacht am Zürichsee nieder, bevor er 1938 in die USA emigrierte.

NS-Raubgut: Thomas Mann, Izabrana dela, 1935 (serbo-kroatische Übersetzung, mit handschriftlicher Widmung der Übersetzerin Anica Savic Rebac).
Restituiertes NS-Raubgut: Thomas Mann, Izabrana dela, 1935 (serbo-kroatische Übersetzung, mit handschriftlicher Widmung der Übersetzerin Anica Savic Rebac).

Die Münchner Villa in der Poschinger Straße 1, in der Thomas Mann seit 1914 mit seiner Familie gelebt hatte, wurde am 25. August 1933 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. Bis dahin war es den Kindern Erika (1905-1969) und Golo Mann (1909-1994) sowie Freunden gelungen, die Hälfte bis zwei Drittel der Mannschen Privatbibliothek in die Schweiz in Sicherheit  zu bringen. Der Rest fiel in die Hände der NS-Behörden, die danach gezielt aussortierte Übersetzungen von Werken Thomas Manns an die Bayerische Staatsbibliothek überstellten. Darunter befanden sich unter anderem fremdsprachige Ausgaben der Romane „Die Buddenbrooks“ und „Der Zauberberg“; mehrere Bücher enthielten Widmungen der Übersetzer an den Autor, in zwei Bänden hatte dieser auch selbst unterschrieben. Im Unterschied zu anderem NS-Raubgut wurden diese Bücher nicht in den Bestand eingearbeitet, sondern bis in die Nachkriegszeit separat und unausgepackt gelagert.

NS-Raubgut: Thomas Mann, Bergtagen, 1929 (schwedische Übersetzung von Der Zauberberg).
Restituiertes NS-Raubgut: Thomas Mann, Bergtagen, 1929 (schwedische Übersetzung von Der Zauberberg).

Gemäß dem Rückerstattungsgesetz der Alliierten von 1947 legte der damalige Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek, Gustav Hofmann (1900-1982, Generaldirektor 1948-1966), auf dem Weg der Selbstanzeige neben anderen „arisierten“ Beständen auch die Übernahme dieses Kontingents offen. In der Folge kam es zu einer Kontaktaufnahme zwischen Thomas Mann und Gustav Hofmann mit der einvernehmlichen und festen Verabredung einer Rückgabe der Bücher. Die genauen Modalitäten sollten vermutlich bei einem Treffen in München am 29. Juli 1949 geregelt werden, das Hofmann aber krankheitshalber absagen musste. Im Anschluss wurde diese Angelegenheit offensichtlich von keiner der beiden Seiten weiter verfolgt und geriet in Vergessenheit.

2007 erhielt die Arbeitsgruppe NS-Raubgutforschung einen Hinweis darauf, dass die Übersetzungen in Zürich vermisst würden und ihr Schicksal weiterhin unklar sei. Die daraufhin vorgenommenen Recherchen erbrachten ein überraschendes Ergebnis: Die Bücher Thomas Manns sind in der Bayerischen Staatsbibliothek verblieben und wurden 1969  mit dem Vermerk „Herkunft unbekannt“ in den Bestand eingearbeitet. Insgesamt konnten 78 Bände als Werke aus der Privatbibliothek Thomas Manns identifiziert werden.

Wegen der Rückgabe nahm die Bayerische Staatsbibliothek mit Frido Mann (geb. 1940) Kontakt auf, einem Enkel Thomas Manns und Sprecher des Familienverbandes. Seinem Vorschlag folgend übergab Klaus Ceynowa, der stellvertretende Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek, die Bücher am 19. November 2008 dem Thomas-Mann-Archiv in Zürich.

Die restituierten Titel werden im BSB-Katalog weiter angezeigt. Sie sind alle mit einer entsprechenden Bemerkung zur Provenienz versehen worden, die unter der Rubrik „mehr zum Titel“ erscheint. Sie können mit der Eingabe „BSB-Provenienz: Arbeitsbibliothek Thomas Manns“ über die Einfache Suche im OPAC recherchiert werden.